Zum Arzt oder Heilpraktiker?

Heilpraktiker.jpeg

Zunächst kurz ein Hinweis: es handelt sich hier um einen subjektiven Erfahrungsbericht – untermauert von einigen weniger bekannten Fakten.

Ich bin Heilpraktikerin. Das ist ein Beruf, den Menschen eher nicht ergreifen, wenn sie uneingeschränkt gute Erfahrungen mit der Schulmedizin gemacht haben. Trotzdem mein erster Rat:

Bitte gehen Sie zum Arzt!

(aber lesen Sie bitte bis zum Ende des Artikels)

Ein Arzt ist einem Heilpraktiker im Bereich Diagnostik, Physiologie und Pharmakologie weit überlegen. Ihm stehen Techniken und Medikamente zur Verfügung, an die nichts im Bereich einer Heilpraktikerpraxis heranreicht.

Diagnostik

Grundsätzlich kann ein Arzt auf alle dem Heilpraktiker geläufigen Untersuchungsmethoden wie Inspektion, Palpation, Perkussion, und Auskultation zurückgreifen. Labordiagnostik und Funktionsuntersuchungen sind vom Prinzip ähnlich. Darüber hinaus stehen ihm allerdings noch bildgebende Verfahren mit und ohne Kontrastmittel zur Verfügung, wie Sonographie, Endoskopie, Röntgen, CT, MRT und nuklearmedizinische Bildgebung; dazu noch das Messen der elektrischen Felder des Körpers wie EKG und EEG. (Was dem Arzt allerdings eventuell fehlt, sind Überblick und Zeit – dazu mehr im letzten Teil des Artikels).

Medikamente

Rezeptpflichtige Medikamente dürfen vom Heilpraktiker nicht verschrieben werden – dazu gehören hoch leistungsfähige Medikamente wie Kortison, Opiate und Antibiotika. Im Gegensatz zu homöopathischen Mitteln haben sie zwar einen sehr schlechten Ruf – dafür eine um so bessere Statistik bei der Rettung von Leben, Behandlung schwerwiegender Krankheiten und Pandemien.

Ausbildung*

Heilpraktiker verweisen gern darauf, wie anstrengend und umfangreich der Ausbildungsstoff ist, von Ärzten hört man diese Klagen selten, sie beklagen sich eher – zu Recht – über Arbeitszeiten und Arbeitsbedingungen junger Ärzte. Was steckt dahinter?

Grundvoraussetzung für die Heilpraktikerausbildung ist der Hauptschulabschluss. Heilpraktikerschulen werben gerne mit erfolgreichen Abschlüssen von bis zu 98% ihrer Teilnehmer – unabhängig von deren beruflichem und akademischem Hintergrund.

Der vorklinische Teil des Medizinstudiums („Physikum“) hat dagegen eine Durchfallquote von ca. 25% – ein Großteil der Studenten verfügt über ein Abitur im Einserbereich.

Mindestanforderung:

Medizinstudium

Anforderung Medizinstudium (wikipedia)

vs. Heilpraktikerprüfung

Mindestanzahl der besuchten Vorlesungen in einer Heilpraktikerausbildung = 0

Mindestanzahl der vorgeschriebenen mündlichen und schriftlichen Prüfungen während der Ausbildung (abgesehen von der staatlichen Heilpraktikerprüfung) = 0

Nicht zur schriftlichen Prüfung zugelassen wegen mangelnder Leistung = 0 %

Praktika bzw. Mindestanzahl der behandelten oder auch nur berührten Patienten = 0

Darüber hinaus sagt die Heilpraktikerprüfung nichts darüber aus, ob der angehende Heilpraktiker in der Lage ist, Menschen erfolgreich zu behandeln. Sie dient lediglich als Nachweis, dass von dem Anwärter kein „Schaden für die Volksgesundheit“ ausgeht.

Das soll nicht heißen, dass es in ihren Bereichen keine hervorragenden Heilpraktiker oder Vertreter verschiedener Methoden ohne Heilpraktikerschein gibt – der Abschluss als HP allein sagt allerdings wenig aus. Entscheidend ist die Qualität der Ausbildung und – staatlich nicht anerkannten – Zusatzausbildungen.

(*Die Angaben beziehen sich auf die Heilpraktikerprüfung 2011 und die Vorjahre in Berlin. Verschärfungen der Prüfungsanforderungen und ein verbindliches Praktikum sind für die nächsten Jahre vorgesehen.)

Wozu also Heilpraktiker?

Wichtige Faktoren, die für Heilpraktiker oder alternativen Therapeuten sprechen, sind Zeit und Überblick. Sie können zu Einblicken verhelfen, die einem Arzt – insbesondere einem spezialisierten Facharzt, der Sie kaum kennt – entgehen. Weitere Gründe könnten sein:

  1. Sie haben Ihre Diagnose, ihr Problem kann konservativ behandelt werden, es handelt sich nicht um eine schwerwiegende oder entzündliche Krankheit. Nach einigen Monaten tritt keine oder nur kurzfristige Besserung ein.

  2. Die Krankheit erfordert eine Behandlung, die ihnen wegen der Nebenwirkungen nicht zusagt.

  3. Ihre Krankheit ist „idiopathisch“.

  4. Der Arzt bietet individuelle Gesundheitsleistungen (IGeL) an.

 In diesen Fällen können Sie sich überlegen, Alternativen außerhalb der Schulmedizin zu suchen.

Wir haben in Deutschland ein vergleichsweise hervorragendes Gesundheitssystem. Kein Mensch, der an Krebs erkrankt, muss sich Sorgen um die Kosten seiner Behandlung machen.

Zwischen Krankheit und einem Zustand, in dem Sie sich wirklich wohlfühlen, liegt allerdings eine Grauzone, in der das System meiner Meinung nach zu kurz greift, und aus dem sich chronische Schmerzen, langfristige Schäden oder ein gravierender Verlust von Lebensqualität entwickeln können.

Ärzte können in der Regel erst behandeln, wenn bereits ein Schaden entstanden ist.

Schmerzen sind dagegen gerade bei chronischen Beschwerden ein Warnsignal, sie treten oft auf, bevor aus medizinischer Sicht Erkrankungen vorliegen. Gegen ungünstige Bewegungsmuster, regelmäßige Überanstrengung beim Sport oder durch unergonomische Arbeitsbedingungen, belastende Alltagszustände oder Stress ist ein Arzt relativ machtlos. Eine ungünstige Prognose oder ein kurz angebundener Arzt können ihre psychische Belastung erhöhen und den Krankheitsverlauf damit erschweren.

Sowohl Arzt als auch Heilpraktiker sind auf Ihre Mithilfe und Eigenverantwortung angewiesen. Eine Verhaltensänderung zu bewirken fällt den Heilpraktikern oft leichter – weil sie die Zeit haben, eine persönlichere Bindung einzugehen, aber auch aus dem lapidaren Grund, dass Sie die Behandlung bezahlen und deshalb eher gewillt sind, die Anregungen auch umzusetzen.

Gründe zum Heilpraktiker zu gehen

1. Sie haben Ihre Diagnose, ihr Problem kann konservativ behandelt werden, es handelt sich nicht um eine schwerwiegende oder entzündliche Krankheit. Nach einigen Wochen oder Monaten tritt keine oder nur kurzfristige Besserung ein.

Wenn ihr Problem sich nach einer längeren Behandlungszeit (über den Zeitpunkt hinaus, in dem ein Heilungsvorgang abgeschlossen sein müsste) nicht löst, müssen Sie davon ausgehen, dass die Intervention unwirksam sein könnte – und auch in Zukunft nicht ausreichend wirksam wird, um Sie in „einen Zustand des Wohlbefindens“ zu versetzen. Suchen Sie – parallel zur ärztlichen Behandlung oder alternativ dazu – nach weiteren Alternativen.

Zur Erinnerung: konservativ geschätzt treten 70% aller Rückenschmerzen ohne physiologische Ursache auf.

Sie haben sich entschieden? Nehmen Sie unverbindlich Kontakt mit mir auf.


2. Die Krankheit erfordert eine Behandlung, die ihnen wegen der Nebenwirkungen nicht zusagt.

 Sie haben wahrscheinlich mehr Optionen, als sie denken.Geben Sie Ihre Eigenverantwortung nicht auf!

  • Selbst wenn ihr Krankheitsbild feststeht, ist der daraus entstehende Zustand nicht unweigerlich fixiert: (mehr dazu im Blog unter: Studien)

  • Sie haben beispielsweise eine Arthrose? Ihre Gelenke wird ein Bewegungstherapeut nicht wesentlich verändern können – ihre   Bewegungsvorgänge durchaus. Die Möglichkeit, hier weniger schmerzhafte Alternativen zu finden, ist groß. Viele Erkrankungen lassen sich durch eine Umstellung der Lebensgewohnheiten positiv beeinflussen.

  • Der Arzt empfiehlt invasive Untersuchungsmethoden, irreversible Behandlungen oder eine Operation? Fragen Sie, wie viel Zeit sie haben, bis Sie eine Entscheidung treffen müssen – und nutzen Sie die Zeit, um nach begleitenden Therapien oder sogar Alternativen zu suchen (ohne dabei aus den Augen zu verlieren, dass auch eine Operation unter Umständen durchaus die günstigste Alternative sein kann!)


3. Ihre Krankheit ist „idiopathisch“

Der Begriff „idiopathisch“ wird in der Medizin (…) benutzt, um in der Benennung der Krankheit einen Hinweis darauf zu geben, dass die Erforschung der Ursache der Erkrankung bislang erfolglos war.

Mit anderen Worten: der Arzt weiß nicht, was Ihnen fehlt (nimmt ihre realen Beschwerden allerdings ernst). Er will Sie weiter behandeln – ist sich über die Ursache aber nicht im klaren. Eine derartige Behandlung wird voraussichtlich eine Symptombehandlung sein ohne die Ursache zu klären. Wenn Sie Glück haben schlägt die Behandlung trotzdem an.

Falls die Behandlung nicht die gewünschten Erfolge bringt ist es sinnvoll nach selbstbestimmten Lösungsmöglichkeiten zu suchen.


4. Der Arzt bietet individuelle Gesundheitsleistungen (IGeL) an.

IGeL-Leistungen sind durch die Krankenversicherung nicht gedeckt. Sie müssen auf jeden Fall selbst zahlen, sie verlassen den Bereich der Schulmedizin. Wenn Ihr Arzt nicht über eine entsprechende umfangreiche Zusatzausbildung verfügt, Sie den Arzt nicht sehr gut kennen oder durch Mundpropaganda empfohlen bekommen haben suchen sich einen Fachmann. Der beste Fachmann – z.B. im Bereich der Akupunktur – ist in der Regel nicht der Arzt, sondern ein auf dieses Feld spezialisierter Akupunkteur.

Ärzte sind in diesem Fall nicht unbedingt die schlechteren Akupunkteure (aber auch nicht die besseren – ihr Medizinstudium hat nichts mit der Ausbildung eines Akupunkteurs zu tun). Sie haben in der Regel weniger Zusatzausbildungen, vor allem aber die schlechteren Arbeitsbedingungen.

Ärzte verdienen relativ gut – und sie müssen es auch. Mit seinem Einkommen deckt der Arzt neben seinen Privatausgaben die Kosten für die Praxis, seine Angestellten und häufig laufende Kredite für technische Geräte und Praxiseinrichtung ab.

Ein Arzt kann es sich in einer durchschnittlich aufgestellten Praxis nicht leisten, Ihnen die für derartige Behandlungen oft nötige Zeit und Aufmerksamkeit zu widmen. Sie könnten es an seiner Stelle auch nicht.

(Subjektive Erkenntnis: Eine in fünf Minuten gesetzte Akupunktur, nach der man frierend im Nebenzimmer neben dem Drucker liegt,  ist selten wirksam).

IGeL-Leistungen „reichen über das vom Gesetzgeber definierte Maß einer ausreichenden, zweckmäßigen und wirtschaftlichen Patientenversorgung hinaus und sind daher von den gesetzlichen Krankenversicherungen nicht gedeckt (sog. Übermaßbehandlung). „ (wikipedia). Indem der Arzt Ihnen eine IGeL-Leistung anbietet, räumt er ein, dass er ihre Krankheit mit schulmedizinischen Mitteln nicht ausreichend oder erfolgreich behandeln kann – oder will.

(Das Wissenschaftliche Institut der AOK (WIdO) schätzte für 2012 das Volumen der individuellen Gesundheitsleistungen auf 1,3 Mrd. Euro, dieser Bereich stellt eine wichtige Einkommensquelle für Ärzte dar.)

TIPP: In diesen Fällen kann der Abschluss einer Heilpraktiker-Zusatzversicherung für Privatpatienten und Selbstzahler sehr sinnvoll sein - auch wenn Sie in erster Linie weniger an Naturheilkunde und Komplementärmedizin als an begleitenden Therapien interessiert sind.


Danke dass Sie das abgeklärt haben!

Ein guter Heilpraktiker wird im Zweifelsfall übrigens zu schätzen wissen, dass sie beim Arzt waren. Ein Symptom wie etwas Schwindel kann unzählige verschiedene Gründe haben, von schwerem Blutverlust, einem lebensbedrohlichen Hirntumor über Seekrankheit, Störungen im Gleichgewichtssystem, Infektionen, Vergiftungen, einem niedrigen Blutdruck, einem fehlenden Frühstück oder zwei Glas Wein. Es ist eher unwahrscheinlich, dass Sie unter schwerem Blutverlust leiden,  im Zweifelsfall ist es jedoch vorteilhaft, einige Ursachen im Vorfeld auszuschließen. Im Gegenzug dazu sollte ein Arzt Ihren individuellen Lösungsmöglichkeiten (ob mit oder ohne Heilpraktiker) gegenüber aufgeschlossen sein.


Previous
Previous

Wie Sie Ihre Grenzen akzeptieren und Ihre Kreativität steigern können

Next
Next

6 Möglichkeiten zur Verbesserung der Höchstleistung